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Knut H.

Anmeldedatum: 04.06.2007 Beiträge: 40
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Verfasst am: 10.06.2007, 01:21 Titel: Kontroverse um Knut Hamsun |
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Dies ist die aus dem Mainboards also - Thread verschobene Diskussion um den Schriftsteller Knut Hamsun sowie die heikle Problematisierung der Vereinbarkeit von schriftstellerischer Intention und der Autonomie der Kunst. Viel Spaß beim Diskutieren!
@binebär
binebär hat Folgendes geschrieben:
*nochmal lesen muss* ..... Ich stimme dir prinzipiell zu, auch wenn ich nicht der
Meinung bin, dass dieses Land jemals ein über den grünen Klee zu lobendes gewesen
sein kann, egal wie viele Dichter dachten, ihren unwichtigen Kleinkram zu Papier
bringen zu müssen.
Gewiss, ich glaube auch nicht, dass es früher per se bessere Zeiten gegeben hat -
nur andere. Allerdings ist es allzu verlockend, angesichts mehrerer Millenia
geballter Kulturgeschichte in die eine oder andere Sentimentalität zu verfallen.
| Zitat: |
Nietzsche war genial, aber leider verrückt, Novalis selbstmitleidig und religiös
überspannt, Eichendorrf ein verkappter Schön-Gut-Mensch mit Rückzugstendenz |
Was Nietzsche betrifft, so vermag er ohne weiteres als Paradebeispiel zu dienen, wie
dicht Genie und Abgrund beieinander liegen. Ich halte es da durchaus mit Botho
Strauß: "Wer Schuld und Irrtum nicht als Stigmata (im Grenzfall sogar Stimulantien)
der Größe erkennt, sollte sich nicht mit wirklichen Dichtern und Denkern
beschäftigen, sondern nur mit den richtigen." (Das ist definitiv nicht auf Deinen
Beitrag gemünzt oder gegen
Dich gerichtet, sondern soll lediglich mein Künstlerverständnis unterstreichen.)
Novalis war sicherlich... empfindsam, doch hat er dafür etwa die Hymnen an die Nacht
hervorgebracht, wofür ich ihm doch nicht wenig dankbar bin - und betreffend
Eichendorff hätte ich Dir bis vor drei Jahren, da ich nur den unsäglichen
"Taugenichts" kannte, sicher Recht gegeben, doch bin ich mittlerweile über so
manches von ihm gestolpert, das das, was zu Schulzeiten von ihm vermittelt worden
ist, als einseitige Diffamierung entlarvt. "Klage!" beispielsweise weiß genauso zu
gefallen wie ein anderes, herrlich elitäres Gedicht, dessen Titel mir leider
entfallen ist.
| Zitat: |
und da wir von Geistesadel sprechen ... meist handelte es sich dabei ohnehin um
adlige Mitglieder der Gesellschaft - wo bleibt nur die Stimme des Volkes? |
Das, was landläufig als "Volk" tituliert wird, kann zumindest mir gestohlen bleiben,
halte ich es diesbezüglich doch mit Herrn von Hofmannsthal:
Tobt der Pöbel in den Gassen, ei mein Kind, so lass ihn schrei'n
Denn sein Lieben und sein Hassen ist verächtlich und gemein!
Während sie uns Zeit noch lassen, wollen wir uns
Schönerm weih'n
Will die kalte Angst dich fassen spül sie fort in heissem Wein!
Lass den Pöbel in den Gassen: Phrasen, Taumel, Lügen, Schein,
Sie verschwinden, sie verblassen schöne Wahrheit lebt allein.
Ich sehe mich nun einmal außerstande, Menschen in der Menge zu idealisieren - und
"das Volk" findet sich nun einmal nicht im Vieraugengespräch...
| Zitat: |
Aber von dir, Herr Knut, hab ich, so ehrlich muss ich sein, noch nie etwas gehört
geschweige denn, gelesen ... kannst du mir ein gutes Einsteigerwerk von dir
empfehlen? |
Bisher habe ich auch leider nur einen Roman von mir gelesen, "Pan", der mich
einerseits frappierend an bereits erwähnten Taugenichts erinnerte, andererseits aber
auch an Hesses "Steppenwolf". Und erstaunlicherweise hat er mir trotz dieser
unheiligen Assoziationen, die er weckte, durchaus zugesagt... (und nebenbei kann
man, wie ich glaube, den Ideengeber für Ernst Jüngers Konzept des Waldgängers
entdeckten.) Mein berühmtestes Buch ist aber wohl "Segen der Erde", für den ich auch
den Literaturnobelpreis erhalten habe - eine Art
radikalindividualistisch-reaktionäre Utopie, wenn ich das richtig verstanden habe,
was schon einmal recht interessant klingt... dem werde ich mich wohl als nächstes
widmen.
| Zitat: |
Teufel auch! Mein Herr, mir dünkt, wir sind des selben Geistes Kinder, ein einig
Herz schlägt in unsrer Brust. Laßt mich euch den Kelch der Bruderschaft reichen und
das heilge Bündnis mit einem Kusse besiegeln! |
Ei der Daus, welch wahres Wort! Laben wir uns an so manch erquickendem Schlucke und
stoßen auf uns an!
| Zitat: |
Ehrlichen Herzens muss ich gestehen, dass dass diese Entwicklung (beinah) unbemerkt
an mir vorbeigegangen ist, da ich ein notorischer Nachrichten- und
Zeitungsverweigerer bin und mich dessen noch nichteinmal schäme 8) |
Glückliche, Du! Ich "durfte" sogar eine News über eine CD verfassen, die das
Drecksvieh zum Thema hatte...
@SohndergroßenBärin
Selbstverständlich darfst Du Deine Signatur behalten, zumal ich doch nicht im
geringsten in der Position bin zu entscheiden, wie Du Deine Beiträge zieren
möchtest... diese Entscheidung kann Dir nun wirklich niemand abnehmen...Wink (Und im
übrigen kann ich mich binebär nur anschließen: Es gibt wahrlich keinen Grund, sich
unnötig klein zu machen...)
Liebe Grüße,
Knut H. _________________ Tötet alle Eisbären! |
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binebär Herrin des Forums

Anmeldedatum: 26.04.2007 Beiträge: 93 Wohnort: Marburg
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Verfasst am: 10.06.2007, 01:22 Titel: |
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| Zitat: |
Und bei all dem Rummel vergisst man fast, dass es sich bei "Eve Online" um ein Spiel
handelt, also um etwas, das zur Erbauung und Entspannung in der Freizeit gedacht
ist... |
Mr. Green
@mh: wirklich witzig! Generell: ich hätte nicht gedacht, dass man eine einzige News
wie eine Einleitung zu einer Hausarbeit schreiben kann ....
(Ist zwar eigentlich off -- topic, aber der Herr admin wird es schon nicht merken
... außerdem bin ich ja der Mod und darf das.
@SohndergroßenBärin: wo bist du?
@Knut H.: Ich hab mich mal über dich schlau gemacht (falls man diesen Ausdruck
überhaut verwenden darf, wenn das sich schlau machen auf einen Klick in der
Wikipedia bezieht ... ich schäme mich) und ich glaube, mir gefällt deine politische
Einstellung nicht. Einen kleinen an der Waffel hattest du schon, oder? Cool Mal
sehen, ich werde aber auf jeden Fall mal was von dir lesen. Diese Diskussion sorgte
zwischen dem Admin und mir auch für einen regen Austausch: ist es mit dem Gewissen
vereinbar, Werke eines Menschen gut zu finden oder gar zu preisen, auszuzeichnen,
wenn man nur zu gut weiß, dass er selbst eine Einstellung vertrat, welche man
persönlich schärfstens verurteilen muß? Um es kurz zu machen: inwiefern beeinflußt
der Autor das Werk, das Werk wiederum den Leser und somit der Autor den Leser und
darf der Leser vom Autor Rückschlüsse auf das Werk ziehen? Im umgekehrten Fall ist
es einfacher: ein zum Beispiel kriegshetzendes Machwerk führt bei einem Pazifisten
dazu, den Autor des Buches moralisch zu verurteilen, das Werk als "Schund" zu
betrachten und sich selbst davon zu distanzieren. Das geht sehr leicht, man bekommt
keine Probleme mit Gewissensbissen, es führt höchstens zu einer für den Charakter
gefährlichen selbstgefälligen und selbstgerechten Einstellung, damit muß man selbst
klarkommen. Aber inwieweit ist das Werk, sofern frei von den persönlich verurteilten
Werten, zu loben bei gleichzeitiger Gewißheit, dass der Autor ein Anhänger eben der
von mir verachteten Werte ist? Und was ist mit den unterschwelligen Botschaften,
derer sich der Autor selbst vielleicht nicht bewußt gewesen ist? Ist es überhaupt
möglich, das Werk als eigenständig, als getrennt vom Schöpfer zu betrachten?
Bedingen sie sich nicht stets? Was wäre, wenn Hitler wunderbare Gedichte geschrieben
hätte - würde man sie kaufen und öffentlich ob ihrer Sprachgewalt loben können?
Nun hab ich es geschafft, eine simple, in einem kurzen Satz formulierbare Frage in
unzähligen Sätzen so unkonkret wie nur irgend möglich auszuwälzen. Aber der Sinn
wird ja verständlich sein. Also verehrter Herr Knut, wie lautet ihre erhabene
Antwort auf (mehr oder minder ausführlich) benanntes Problem? _________________ Ich bin die Herrin des Forums, Herrscherin über den Marktplatz und aller Obsttheken der Welt! |
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SohndergroßenBärin

Anmeldedatum: 05.06.2007 Beiträge: 62 Wohnort: in der Verbannung
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Verfasst am: 10.06.2007, 01:23 Titel: |
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@binebär: keine Panik, ich bin hier. Langsam finde ich es aber seltsam: immer, wenn
ich da bin, bist du auch da .... wenn man es nicht besser wüßte, könnte man denken,
wir seien ein und dieselbe Person!!!! Very Happy Laughing Laughing Wink
@Knut: *mich mal einmisch* aber das Volk ist doch letztendlich der Mensch. Auch wenn
man sich selbst versucht, von anderen abzugrenzen, indem man sich einen hohen Titel
gibt, bleibt man doch einer von allen. Man denkt vielleicht auf einer höheren Ebene,
aber die Grundprinzipien menschlichen Denkens und Handelns bleiben immer gleich. Und
meist regt man sich genau über das am stärksten auf, was einen selbst ausmacht, ohne
dass man es zugeben möchte. Rolling Eyes Ich sags mal so: das Volk ist nicht dümmer,
schlechter oder primitiver als ein "gebildeter" mensch und von daher ebenso
interessant oder uninteressant, je nachdem, wie man es gern haben möchte.
@binebär: also ich persönlich würde von Hitler kein noch so schönes Gedicht lesen.
Ich würde doch dadurch nur einem kranken Geist (das war wertend gemeint) huldigen.
Schreckliches und Großartiges liegt nah bei einander (genauso, wie Genie und
Wahnsinn, darauf hat Knut ja auch schonmal hingewiesen) aber es macht einen
Menschen, einen wirklichen Menschen (im moralischen Sinne) aus, sich davon bewußt zu
distanzieren. Schwierig ist es eben, wenn das werk an sich gar nichts über diese
Dinge aussagt, sondern einfach so gut ist ... dann kann man auch fragen: ist es
nicht feige, zu sagen: "ich les das nicht, weil ..." und wäre es mutiger, zu sagen"
Ich versuche, es zu lesen, weil ..."? Schwierig, letzten Endes muß das jeder für
sich selbst entscheiden.
Liebe Grüße, Harka _________________ Tokei-ihto, Sohn Mattotaupas, der als Knabe "Steinhart", "Nachtauge", "Wolfstöter", "Büffelpfeilversender" und "Bärenjäger" hieß. |
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Knut H.

Anmeldedatum: 04.06.2007 Beiträge: 40
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Verfasst am: 10.06.2007, 01:24 Titel: |
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Hallo binebär und Sohndergroßenbärin,
so, das ist ja eine ganze Menge, auf die es einzugehen gilt, sodass ich mich erst
einmal binebär und später (morgen? Montag?) dem SohndergroßenBärin widme.
Was den Wikipedia-Artikel betrifft, so vermittelt er zwar einen groben ersten
Eindruck, doch bin ich ehrlich gesagt nicht so hundertprozentig zufrieden mit ihm:
Zwar lügt er nicht und ergeht sich auch nicht in Halbwahrheiten, doch fixiert er
sich allzu sehr auf Hamsuns Nazi-Avancen, die ihn zwar kurzzeitig nach Ende des
Zweiten Weltkrieges kompromittierten, allerdings nicht daran hinderten, heute als
unumstrittener "Nationaldichter" anerkannt zu sein und ein norwegisches Äquivalent
zu einem Thomas Mann oder Heinrich Heine darzustellen, was seinen Ruf betrifft -
darauf geht der Artikel beispielsweise nicht ein. Meine persönliche Einschätzung
ist, dass, wenn Hamsun ein Deutscher gewesen wäre, heute in einem Atemzug mit Jünger
genannt würde - zumindest in der BRD - und ein ähnliches "Ansehen" genösse.
Die Diskussionen zwischen dem Admin und Dir habe ich selbst auch schon einige Male
zu verschiedenen Gelegenheiten geführt, sowohl hinsichtlich Musikern/Bands (Burzum)
als auch Autoren (Jünger, Hamsun, Ewers, Msihima u.a.) betreffend, und je öfter ich
mich mit der Thematik beschäftigt habe, desto mehr hat sich eine Tendenz
herausgeschält: Ich habe absolut kein Problem damit, Kunst von Menschen, die mir aus
Gründen auch immer zutiefst zuwider sind oder die mir als Personen zumindest
befremdlich sind, zu rezipieren, zu genießen, zu loben und weiterzuempfehlen, so ich
selbst mich mit dem Kunstwerk mit persönlichem Gewinn auseinandergesetzt habe, sei
er erkenntnistheoretischer oder ästhetischer Natur. Dafür seien an dieser Stelle
zwei Gründe:
a)Wenn ein Mensch etwas Wundervolles geschaffen hat, etwas, das mich meine
bisherigen Standpunkte überdenken oder eine ästhetische Dimension genießen lässt,
die mir bisher gänzlich unbekannt war - warum soll ich ihm dafür nicht dankbar sein,
ganz konkret für diese Leistung, dies in mir bewirkt zu haben, selbst wenn dieser
Mensch anderweitig noch so viele Unzulänglichkeiten sein eigen nennt? Ganz konkret
in dieser Situation hatte er einen immensen positiven Einfluss auf mich, der mich
weitergebracht hat, und dieser Umstand verdient es meiner Meinung nach, gewürdigt zu
werden. Wenn ein Becker leckere anbietet kaufe ich sie selbst dann, wenn ich weiß,
dass er ein miserabler Maler ist und seine "Kunst" vielleicht sogar in der Backstube
hängen hat. Wenn ich mir etwas verböte, bloß weil mir die dahinter stehende Nase
nicht passte, käme ich sowohl erkenntnistheoretisch als auch in Fragen der
Konsequenz in Teufels Küche. Dann nämlich könnte es passieren, dass ich einen Text
verehrte und in tiefer Ergriffenheit all der enthaltenen Weisheit lauschte - bis mir
irgendjemand steckte, dass der Autor in der falschen Partei gewesen sei - mit der
Folge, dass ich ihn - den Text nicht mehr gut finden dürfte, einzig weil sein
Urheber irgendetwas anderes zu einem anderen Zeitpunkt in anderem Kontext gesagt
hat, was mir nicht behagt. Und was geschähe mit "Alle meine Entlein", wenn man
herausfände, dass sein Komponist/Dichter in der NSDAP war? Für den Text selbst ist
es letztlich egal, wer ihn verfasst hat. Im Übrigen müsste man - so man dieses
Gedankenspiel fortführt - ebenfalls einen Marx, einen Heinrich Mann und einen Brecht
auf eine imaginäre Tabuliste setzen. Die Analysen des ersteren verlieren doch nicht
an Scharfsicht, weil er Antisemit war, und Manns und Brechts Sozialktritiken werden
doch nicht die Zähne gezogen, weil sie sich jede Kritik an Stalin mit der Begründung
verbaten, dass er immerhin einer derjenigen sei, dam man den Fall Hitlers zu
verdanken habe. Klar, es ist nicht schwer, Brecht anzugreifen, doch geschieht dies i
n der Regel (zu Recht) auf der Ebene seines dramaturgischen Schaffens, und nicht ob
seiner mangelnden Kritikfähigkeit an einem Tyrannen. (An dieser Stelle kann ich nur
erneut auf Botho Strauß' Handke-Verteidigung verweisen, die meines Erachtens den
Nagel auf den Kopf trifft.)
b)Der Autor ist für den Leser von keiner wie auch immer gearteten Bedeutung. Alles
andere geht von der Fehlkonzeption aus, dass der Autor der Sinnstifter eines Textes
ist - ist er aber nicht. Wenn überhaupt, ist der Verfasser der Kombinateur, der
Zeichenvariateur, aber derjenige, der den Text mit Inhalt, mit Bedeutung ausstattet,
ist der Leser und sonst niemand. Es ist eine bestimmte Anordnung von Zeichen, die
ich, der Rezipient in ihrer Kombinatorik mit einem Mehrwert - dem Inhalt - fülle,
und zwar einzig basierend auf meinem Vermögen und meiner Erfahrung. Wie der Autor
irgendetwas meinte oder verstanden wissen wollte, ist weder rekonstruierbar noch
relevant. Insofern findet auch keine Kommunikation zwischen Autor und Leser statt,
sondern nur eine zwischen Text und Rezipient - der Text kommuniziert sich quasi
selbst, allerdings auf völlig intersubjektive Weise und von Rezipient zu Rezipient
unterschiedlich, abhängig vom individuellen Sinnstiftungsprozess. Der Text enthält
eben das, von dem ich meine, dass er es enthält - Wahrnehmung ist Realität. Und
verständlicherweise ist in einem solchen Prozess kein Platz für einen Autor im
klassischen Sinne, als Künder irgendeiner Wahrheit - die findet der Leser selbst,
indem er sich auf ein Zeichenspiel einlässt, zu dem der Autor ihn eingeladen hat.
Deshalb ist es auch eins, ob der Verfasser eines Textes (un)absichtlich
unterschwellige oder offensichtliche Botschaften in sein Werk integriert hat - die
Frage, die sich einzig stellt, ist, was ich mit diesem mir gegebenen Text anstelle,
wie ich mit ihm umgehe und wie ich die Zeichen, die mir vorgeworfen wurden,
zueinander in Bezug setze.
Dass ebenjenes klassische Autorkonzept nur schwer aufrecht erhalten werden kann,
illustrieren zwei Beispiele:
1. Man setze einem deutschen Muttersprachler einen mittelhochdeutschen Text vor und
unterrichte ihn über die allergrundlegendsten Veränderungen vom Mhdt. zum Nhdt. Er
wird den mittelalterlichen Text zu verstehen glauben, wird glauben, eine in sich
schlüssige Inhaltsangabe vortragen zu können - und auch wenn er eine in sich runde
Geschichte zu erzählen weiß, wird sich diese dennoch von dem "eigentlichen" Inhalt
unterscheiden - eben weil dieser noch Unbedarfte die ihm vorgelegten Zeichen mit
Hilfe des ihm zur Verfügung stehenden Interpretationskosmos' zu deuten vermochte,
ohne dass sich Widersprüche auftaten.
2. Spätestens seit der Postmoderne (man mag argumentieren, bereits seit dem
Realismus) ist das klassische Autorenbild zuzüglich zu den bereits genannten Gründen
dahingehend, wenn überhaupt, nur bedingt anwendbar, dass sich das
Autorselbstverständnis massiv gewandelt hat und der Urheber eines Textes sich
beispielsweise primär als Informationsvermittler, aber nicht als Meinungsbildner
versteht - Beispiele findet man hier nicht zuletzt in der Industrial Culture.
Laibach etwa haben sich massiv dem Spiel und der Dekonstruktion der Zeichen
verschrieben, funktionieren mehr als Spiegel denn als Instanz, die Meinung X oder Y
postuliert, und reflektieren insofern zuvorderst den Rezipienten und sein Vermögen,
Zeichen einander zuzuordnen (bzw. die Art, in der er es tut), ohne dass die
Formation selbst eindeutige Pro-/Contra-Positionen bezöge, die gedankenlos
nachzukauen sind, wie beispielsweise "Life is Life" oder "Geburt einer Nation"
durchaus eindrucksvoll beweisen. (Ich für meinen Teil finde beide Videos zum
Schreien komisch und sehr entlarvend, sowohl was Populärmusik als auch Ästhetik
betrifft.)
Hui - ich hoffe mal, das war jetzt nicht so arg dozierend und überdies verständlich...
Liebe Grüße,
Knut H. _________________ Tötet alle Eisbären! |
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binebär Herrin des Forums

Anmeldedatum: 26.04.2007 Beiträge: 93 Wohnort: Marburg
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Verfasst am: 10.06.2007, 01:26 Titel: |
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Puh! Fühl mich grad wie nach einer Vorlesung Very Happy
Mh. Versteh ich schon alles. Will sagen, ich kann es logisch nachvollziehen und auch
gefühlsmäßig begreifen. Damit wären die grundsätzlichsten Bedingungen, von dieser
Meinung überzeugt zu sein (zumindest teilweise), gegeben. (Nein!!!!! Ich weiß, dass
es DARUM (den anderen zu überzeugen) nicht geht ... ich monologisiere (???) hier nur
dialogisiert (???) - ich benutze dich als Ansprechpartner (wobei in erster Linie nur
deine Existenz als ebendieser notwendig und nicht deine Individualität an sich von
Nöten ist, die auch, aber das kommt dann erst im zweiten Schritt, wenn ich meine
Gedanken geordnet habe) um mir über meine Meinung klar zu werden - ja, ich muß das
manchmal, einigen fällt es nicht schwer, immer eine Haltung parat zu haben, ich habe
oft erst nach einigem Nachdenken eine, meist will ich aber gar nicht über etwas
nachdenken, da es meiner (philosophischen?) Denkweise nicht entspricht - die besagt,
ich denke nur über das nach, was mich unmittelbar betrifft - und momentan sieht es
eben so aus, dass ich deine Argumentation absolut schlüssig finde, gut verstehen
kann, sich aber in mir etwas dagegen sträubt. Soviel also zu den (zugegebener Maßen
verwirrend gehaltenen) Vorbetrachtungen (nein, eigentlich ist Thomas Bernhard nicht
mein Vorbild, ich mag ihn im Prinzip gar nicht ...). Jetzt komme ich zum aktiven
Part, in welchem du auch wieder eine reale Rolle spielst.
| Zitat: |
Was den Wikipedia-Artikel betrifft, so vermittelt er zwar einen groben ersten
Eindruck, doch bin ich ehrlich gesagt nicht so hundertprozentig zufrieden mit ihm:
Zwar lügt er nicht und ergeht sich auch nicht in Halbwahrheiten, doch fixiert er
sich allzu sehr auf Hamsuns Nazi-Avancen, die ihn zwar kurzzeitig nach Ende des
Zweiten Weltkrieges kompromittierten |
Glaub ich. Man kann einen Menschen im Rahmen eines Artikels nicht nur auf seine
Haltung in einer bestimmten Phase reduzieren. Allerdings halte ich es für
höchstwahrscheinlich, dass man auf Grund seiner Einstellung zu diesem (für Deutsche
eben doch sehr sensiblen) Thema Rückschlüsse auf ihn als Mensch ziehen kann.
Besonders schockiert mich da die Einstellung: wenn es KZs gab, dann zu Recht. Da
sehe ich einen Menschen, der zu Gunsten (s)einer Idee über Leichen zu gehen bereit
ist und zu diesem Zweck die ihm anerzogene Moral (Staat - Gesetze; Familie -
Erziehung; Religion - Ethik) hinten anstellt. Gefährlich sind Menschen, die Unrecht
einsehen, es aber zu rechtfertigen wissen.
| Zitat: |
Meine persönliche Einschätzung ist, dass, wenn Hamsun ein Deutscher gewesen wäre,
heute in einem Atemzug mit Jünger genannt würde - zumindest in der BRD - und ein
ähnliches "Ansehen" genösse. |
Ich muss ehrlich zugeben, dass mir der Name Jüngers erst durch ein Seminar bekannt
ist, welches ich momentan besuche. Weder habe ich etwas von noch über ihn gelesen,
weiß aber nun, dass er im Grunde kriegsverherrlichende Trivialliteratur verfasst
hat. (Falls ich falsch liege, bitte berichtige mich). Nun hatte ich den Eindruck
(geprägt durch die Meinung des Dozenten), dass Jünger wohl sehr häufig gelesen
wurde, aber von "gebildeten" Menschen (nach 45) doch eher abgelehnt wurde, da eine
gefährliche Nähe zur Vergangenheit bestand. Naja, und zumindest heute schätzt man
ihn ja nicht mehr - er steht nicht auf dem Lehrplan und ist insofern vergessen, dass
nur Wissenschaftler, die sich mit ihm beschäftigen, noch etwas von ihm wissen. Wie
steht es da mit Hamsun? Ist er auch heute noch viel gelesen? Aber für sein
Heimatland wird es auch leichter sein ... es ist eben in Deutschland immer noch
etwas anderes ... verständlicher Weise.
| Zitat: |
Die Diskussionen zwischen dem Admin und Dir habe ich selbst auch schon einige Male
zu verschiedenen Gelegenheiten geführt, |
Ja, das hat er mir auch erzählt, was ich persönlich wirklich witzig fand.
| Zitat: |
Ich habe absolut kein Problem damit, Kunst von Menschen, die mir aus Gründen auch
immer zutiefst zuwider sind oder die mir als Personen zumindest befremdlich sind, zu
rezipieren, zu genießen, zu loben und weiterzuempfehlen, so ich selbst mich mit dem
Kunstwerk mit persönlichem Gewinn auseinandergesetzt habe, sei er
erkenntnistheoretischer oder ästhetischer Natur. |
Wie gesagt, verstehe ich, kann ich nachvollziehen, klingt absolut logisch. Aber ich
kann es irgendwie nicht für mich annehmen. Vielleicht ist es mit abergläubischer
Angst vor dem "Bösen" gleichzusetzen oder mit dem Unwillen, von jemandem, den man
verachtet, einen Nutzen zu ziehen, ich weiß es nicht. Aber wenn ich weiß, dass ein
Künstler Dinge getan, gesagt oder geschrieben hat, die ich entsetzlich finde, dann
mag ich mit seinen Werken nichts mehr zu tun haben ... vielleicht, weil mir die
Werke selbst nicht mehr gefallen, weil sie mir verlogen vorkommen. Beispiel:
Polanskis Film "Der Tod und das Mädchen" (nach dem Theaterstück von ???). Er hat mir
sehr gut "gefallen". Bis ich dann (und wieder: Wikipedia, es ist eine Plage) darüber
las, dass er vor vielen Jahren Ärger am Hals hatte, minderjähriges Mädchen, Drogen,
Sex. Und ich wollte instinktiv mit ihm oder seinem Film nichts mehr zu tun haben, da
es mir verlogen vorkam: wie kann ein Mensch sich so intensiv mit Folter und
Mißbrauch auseinandersetzen, dabei doch eine wertende Haltung einnehmen und eine
wertende Haltung des Zuschauers herausfordern, wenn er doch selbst Dreck am Stecken
hatte? Dabei kommt es mir nicht darauf an, sinnlos zu verdammen. Mir ist dadurch nur
der "Genuß" an dem Kunstwerk verdorben worden - vielleicht geschieht es mir auch
recht, es ist immerhin eine unerträgliche menschliche Eigenschaft, alles
selbstgerecht zu verurteilen. Nur, wenn alles relativ und nichts eindeutig ist,
woran noch orientieren? Du merkst, es fällt mir schwer, einen konkreten Grund zu
nennen, es ist mehr innerer Widerwille.
| Zitat: |
Der Autor ist für den Leser von keiner wie auch immer gearteten Bedeutung. Alles
andere geht von der Fehlkonzeption aus, dass der Autor der Sinnstifter eines Textes
ist - ist er aber nicht. Wenn überhaupt, ist der Verfasser der Kombinateur, der
Zeichenvariateur, aber derjenige, der den Text mit Inhalt, mit Bedeutung ausstattet,
ist der Leser und sonst niemand. |
Ja. Geht auch gar nicht anders. Aber nur, weil die Bedeutung des Autors für das Werk
für den Leser nicht existiert, heißt es nicht, dass sie nicht generell vorhanden
ist. Es gibt beides: die Bedeutung des Werkes, die dem Autor selbst entspringt,
bewußt und unbewußt, durch seine Gedanken, Erfahrungen, Erlebnisse, Träume etc. und
die des Lesers, wiederum durch dessen individuellen Erlebnisse hervorgerufen.
Erstere ist für Letzteren, wenn überhaupt, dann nur bruchstückhaft, rekonstruierbar.
Da ist es die logische Konsequenz, dass der eigenen Interpretation eine größere
Bedeutung beigemessen wird. Da es aber unzählige Leser gibt, resultieren daraus
unendlich viele Bedeutungen, denen doch nur ein einziges Werk zu Grunde liegt. Das
führt zu dem Ergebnis, dass es allein an Bedeutung gewinnt, für sich selbst steht,
als Kunst an sich. Es ist eine Möglichkeit, mit Kunst so umzugehen. Aber das Werk
selbst kann nicht denken, es besteht aus toter Materie. Es ist letztendlich einem
Geist entsprungen - dem des Dichters - und hat eine für den Dichter feste Bedeutung.
Dichter und Werk gehören für mich zusammen, da der Mensch selbst oft das größere
Kunstwerk ist - man inszeniert sich selbst, angefangen bei der Kleidung, aufgehört
bei kompliziertester Selbsttäuschung. Sie bedingen einander, wobei der Mensch ohne
Werk, aber Werk nicht ohne Mensch betrachtet werden kann.
(In manchen Fällen ist man dazu gezwungen, und gerade dann steht man oft vor Rätseln
- man kann Anspielungen nicht erkennen, Ironie von Ernst nicht ohne Kenntnis des
Verfassers unterscheiden, da es doch oft so subtil ist usw.) Da du das Beispiel
mittelhochdeutscher Texte anführtest: gerade in dieser Zeit existierte zum Beispiel
das Verständnis der Kunst, die ausschließlich zweckungebunden ist, keineswegs.
Literatur war immer stilvolles Mittel zum Zweck. Es ist zwar möglich, als moderner
Mensch mit modernem Kunstverständnis ausgestattet, einen mittelhochdeutsch Text zu
lesen und mich von meinen eigenen Eindrücken und Empfindungen leiten zu lassen, aber
dadurch werde ich den Text, mit seinen ursprünglichen Absichten, eben einfach falsch
verstehen, weil ich die Komponente Dichter ignoriere. (Zwar hat man im Mittelalter
selten genaue Angaben über den Dichter, aber man verfügt über das Wissen bezüglich
der Einstellungen zur Kunst, kann die Topoi entschlüsseln usw.).
In mir bleibt einfach nach wie vor das ablehnende Gefühl, ich kann und möchte nichts
schön finden, was von einem Menschen verfasst wurde, der das Leid anderer Menschen
billigt, gutheißt oder veranlasst. Letzten Endes vielleicht einfach nur eine Art
Selbstschutz, um nicht den Verstand zu verlieren.
Noch eine Frage: war Marx nicht Jude???
Liebe Grüße vom Binebär
EDIT: Also wirklich, Herr Admin, man kann es auch übertreiben. Die paar Groß- und
Kleinschreibefehler. _________________ Ich bin die Herrin des Forums, Herrscherin über den Marktplatz und aller Obsttheken der Welt! |
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SohndergroßenBärin

Anmeldedatum: 05.06.2007 Beiträge: 62 Wohnort: in der Verbannung
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Verfasst am: 14.06.2007, 00:17 Titel: |
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| Zitat: | so, das ist ja eine ganze Menge, auf die es einzugehen gilt, sodass ich mich erst
einmal binebär und später (morgen? Montag?) dem SohndergroßenBärin widme. |
Ach, lieber Herr Knut, so eilig ist es ja nicht. Sie sind genau genommen auch im Nachteil, da sie sich zwei unterschiedlichen Personen gleichzeitig widmen müssen. Ich überlege ja, ob ich aus diesem Grund dem Forum fern bleiben sollte. Aber wer weiß, vielleicht bin ich irgendwann einmal in der Lage, eine besonders wichtige Idee zu posten, wenn ich zum Beispiel die universelle Wahrheit gefunden habe, wäre ja möglich. Daher werde ich mich vielleicht doch dazu entschließen, dem Forum erhalten zu bleiben.
Setzen sie sich nur nicht unter Druck, ich glaube, ich wüßte selbst nicht mehr, was ich zu dem Thema Knut Hamsun geschrieben habe, bestünde nicht die Möglichkeit, es jederzeit nachzulesen. Wir
Söhne der großen Bärin denken ohnehin nur von einem Moment zum nächsten, was wir gestern dachten, interessiert uns heute schon nicht mehr. Da könnte es sein, dass es ihnen wie meinem werten Herrn Vater ergeht, der sich, auf die Frage seiner 5- jährigen Tochter, wo denn die Babys herkämen, ein wenig zuviel Zeit mit der Antwort ließ und auf pures Desinteresse stoßen musste, als er endlich eine wohlformulierte und kindgerechte Antwort parat hatte.
Jetzt muss ich aber aufhören, über so etwas zu reden, denn sonst meldet sich gleich die Frau Binebär zu Wort, um mir mitzuteilen, dass mein Beitrag nicht zum Thema passt und ich dafür doch einen eigenen Thread anlegen sollte.
Ich freue mich aber, nichtsdestotrotz (ein schönes Wort, oder), auf jedweden Beitrag ihrerseits, egal zu welchem Thema, und möchte mich zu guter Letzt noch erkundigen, wie denn ihr gestriger Heimweg verlaufen ist?
Liebe Grüße, Harka _________________ Tokei-ihto, Sohn Mattotaupas, der als Knabe "Steinhart", "Nachtauge", "Wolfstöter", "Büffelpfeilversender" und "Bärenjäger" hieß. |
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Knut H.

Anmeldedatum: 04.06.2007 Beiträge: 40
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Verfasst am: 28.06.2007, 18:18 Titel: |
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Lieber Sohn der großen Bärin,
selbstverständlich ist es ganz Deine Entscheidung, ob Du bleibst oder gehst, doch fände ich es schön, wenn Du Dich zu ersterem durchringen könntest - mit Binebär kann man zwar auch alleine hervorragend diskutieren, aber im Falle dreier Diskutanten besteht doch immer noch die Möglichkeit, eine weitere, die verhärteten Fronten aufweichende und die eigenen allzu starr gewordenen Gedankengänge aufbrechende Meinung zu hören, die so manche Festgefahrenheit geradezurücken vermag.
Und wer weiß, mitunter hast Du ja noch etwas zu meinen Ausführungen zu sagen, die hoffentlich nicht mehr sehr lange auf sich warten lassen (so gedenke ich, das hier doch nicht ganz so differenzierte Jünger-Bild ein wenig zu korrigieren...).
Auf bald,
Knut H. _________________ Tötet alle Eisbären! |
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binebär Herrin des Forums

Anmeldedatum: 26.04.2007 Beiträge: 93 Wohnort: Marburg
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Verfasst am: 10.07.2007, 18:16 Titel: |
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Hach Knut, das hast du schön gesagt!!!! _________________ Ich bin die Herrin des Forums, Herrscherin über den Marktplatz und aller Obsttheken der Welt! |
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Knut H.

Anmeldedatum: 04.06.2007 Beiträge: 40
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Verfasst am: 17.07.2007, 23:01 Titel: |
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Hallo Bine,
so, ich glaube, das könnte wieder ein etwas längerer Beitrag werden...
| binebär hat Folgendes geschrieben: | einigen fällt es nicht schwer, immer eine Haltung parat zu haben, ich habe
oft erst nach einigem Nachdenken eine, |
Du brauchst Dich wirklich nicht zu rechtfertigen, nicht zuletzt weil Deine Herangehensweise doch einen Idealzustand des Denkens und der persönlichen Meinungsbildung darstellt. Unreflektiertes Drauflosplappern ist nicht so arg schwer...
| Zitat: | (nein, eigentlich ist Thomas Bernhard nicht
mein Vorbild, ich mag ihn im Prinzip gar nicht ...). |
Och, ich finde Herrn Bernhard ganz großartig - aber das nur am Rande...
| Zitat: | Besonders schockiert mich da die Einstellung: wenn es KZs gab, dann zu Recht. Da
sehe ich einen Menschen, der zu Gunsten (s)einer Idee über Leichen zu gehen bereit
ist und zu diesem Zweck die ihm anerzogene Moral (Staat - Gesetze; Familie -
Erziehung; Religion - Ethik) hinten anstellt. Gefährlich sind Menschen, die Unrecht
einsehen, es aber zu rechtfertigen wissen. |
Aber argumentierst Du in diesem Fall nicht ein wenig positivistisch? Tradition in sich ist kein Selbstzweck und überdies erst recht keine verbindliche moralische Instanz. Überdies gehst Du dabei von einem ethischen Bruch zwischen dem pränationalsozialistischen Bürgertum und der Barbarei des Dritten Reiches aus, die so nicht haltbar ist. Ohne das Bürgertum wäre Hitler nicht an die Macht gekommen, und um Massen mobilisieren zu können, muss er etwas in ihnen ansprechen, was bereits vorhanden ist, anstatt sie einer Gehirnwäsche zu unterziehen oder sie fundamentaler Selbstverständnisse zu berauben. Das Stichwort in diesem Fall ist weniger Zäsur als viel mehr Kontinuität durch etwas, das wohl am ehesten mit 'selektiver Förderung' zu umschreiben ist. Überdies stellt sich die Frage, wann Hamsun die Aussage betreffend der KZs getätigt hat, was ja insofern von Relevanz ist, als dass diese Einrichtungen schließlich keine deutsche, sondern eine englische Erfindung und bereits seit etlichen Jahrzehnten bekannt gewesen ist, auch mit dieser Terminologie. Der wesentliche Unterschied war eben, dass die englischen KZs "nur" "normale" Arbeitslager waren, nicht jedoch Orte minutiöser Vernichtung. Es stellt sich eben die Frage, was für eine Vorstellung Hamsun zum fraglichen Zeitpunkt von einem KZ hatte.
| Zitat: | Ich muss ehrlich zugeben, dass mir der Name Jüngers erst durch ein Seminar bekannt
ist, welches ich momentan besuche. Weder habe ich etwas von noch über ihn gelesen,
weiß aber nun, dass er im Grunde kriegsverherrlichende Trivialliteratur verfasst
hat. (Falls ich falsch liege, bitte berichtige mich). Nun hatte ich den Eindruck
(geprägt durch die Meinung des Dozenten), dass Jünger wohl sehr häufig gelesen
wurde, aber von "gebildeten" Menschen (nach 45) doch eher abgelehnt wurde, da eine
gefährliche Nähe zur Vergangenheit bestand. Naja, und zumindest heute schätzt man
ihn ja nicht mehr - er steht nicht auf dem Lehrplan und ist insofern vergessen, dass
nur Wissenschaftler, die sich mit ihm beschäftigen, noch etwas von ihm wissen. |
Einen Augenblick, bitte - was Dein Dozent da von sich gegeben hat, ist mit "grob vereinfachend und Ruf mordend" noch nicht ausreichend beschrieben. Fakt ist: Jünger hat viele Phasen und Verwandlungen durchgemacht, hat zu einem gewissen Zeitpunkt die Nazis rechts zu überholen versucht, wie er in den 30ern mit "Auf den Marmorklippen" einen Roman geschrieben hat, der ihm durchaus einen KZ-Aufenthalt hätte bescheren können, oder wie er sich später zum Dandy gewandelt und mit Albert Hoffmann Drogenselbstexperimente durchgeführt hat. In Frankreich etwa gilt er als der größte deutschsprachige Autor des 20. Jahrhunderts, noch vor den Manns, vor Hesse oder vor Grass.
Dass man Jünger heute "nicht mehr schätzt" trifft weniger eine Aussage über seine literarische Qualität, als vielmehr über die selbstgefällige Haltung der Meinungsbildner und Kanonisten der Gegenwart, die sichtlich unfähig sind, auch nur mit Ambivalenz umzugehen. Das zeigt sich übrigens auch im Umgang mit den Geschwistern Scholl und Stauffenberg: Diese Symbole des Widerstandes werden nur dadurch positiv vermittelt und als "die Guten" dargestellt, dass all das, was man als "anstößig" empfinden könnte und nicht in ein einfaches Gut-Böse-Schema passt, unter den Tisch gekehrt wird: Sowohl die Mitglieder der Weißen Rose als auch Stauffenberg haben sich ausdrücklich als Patrioten verstanden und positiv auf ihr Land bezogen, und der Herr General war überdies gnadenlos elitär und hätte aller Wahrscheinlichkeit nach nicht geringe Probleme mit unserem Grundgesetz (siehe auch George-Kreis und Heimliches/Geheimes Deutschland) - all das ist aber beispielsweise mir in der Schule nicht vermittelt worden. Stattdessen waren Stauffenberg und Sophie Scholl wahre Lichtgestalten, Gutmenschen durch und durch, die, lebten sie heute, sicherlich mit SPD- oder grünem Parteibuch durch die Welt rennten und Lichterketten initiierten. Die hier ausführlich besprochenen und Jünger sind insofern zwei Seiten einer Medaille, als dass sie Mechanismen selektiver Wahrnehmung und die Entstehungsweise von Nationalhelden und Schmuddelkindern aufzeigen. Jüngers Verhängnis war es quasi, nicht im Namen des Nationalsozialismus hingerichtet worden zu sein. Wäre er umgekommen, würde in der Öffentlichkeit einzig "Auf den Marmorklippen" wahrgenommen, und all das, was nicht in das Bild eines "guten" Menschen passte, fiele der selektiven Wahrnehmung zum Opfer, sodass man einmal mehr einen wackeren Streiter für Aufklärung und Menschlichkeit vor sich sähe...
| Zitat: | Wie
steht es da mit Hamsun? Ist er auch heute noch viel gelesen? Aber für sein
Heimatland wird es auch leichter sein ... es ist eben in Deutschland immer noch
etwas anderes ... verständlicher Weise. |
In Norwegen sieht der Umgang mit NS-Kolaborateuren bemerkenswerterweise nicht anders aus als der der Deutschen mit "ihren" Nazis - ein Quisling hat dort in etwa einen Ruf wie hierzulande Hitler. Und trotzdem wird Hamsun als "der große Autor Norwegens" wahrgenommen, so dass es beispielsweise völlig selbstverständlich und unanstößig gewesen ist, dass die gänzlich untendenziöse (aber meines Erachtens musikalisch... ausbaufähige) Folk Metal-Band Lumsk einen Gedichtzyklus Hamsuns auf einem ihrer Alben vertonte.
| Zitat: | Aber wenn ich weiß, dass ein
Künstler Dinge getan, gesagt oder geschrieben hat, die ich entsetzlich finde, dann
mag ich mit seinen Werken nichts mehr zu tun haben ... vielleicht, weil mir die
Werke selbst nicht mehr gefallen, weil sie mir verlogen vorkommen. Beispiel:
Polanskis Film "Der Tod und das Mädchen" (nach dem Theaterstück von ???). Er hat mir
sehr gut "gefallen". Bis ich dann (und wieder: Wikipedia, es ist eine Plage) darüber
las, dass er vor vielen Jahren Ärger am Hals hatte, minderjähriges Mädchen, Drogen,
Sex. |
Ich glaube, ich erwähnte es bereits andernorts: Heinrich Mann und Brecht verbaten sich jede Kritik an Stalin - auch nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Werden sie damit zu einem Tabu?
"Der Tod und das Mädchen" kenne ich übrigens - ganz, ganz großartig.
| Zitat: | wie kann ein Mensch sich so intensiv mit Folter und
Mißbrauch auseinandersetzen, dabei doch eine wertende Haltung einnehmen und eine
wertende Haltung des Zuschauers herausfordern, wenn er doch selbst Dreck am Stecken
hatte? |
Bitte entschuldige die überspitzte Formulierung, aber wenn nur die moralisch Makellosen eine Meinung äußerten oder kulturell schaffend tätig wären, würde nie ein Wort gesagt oder ein Kunstwerk erschaffen. Und überdies stellt sich die Frage, ob nicht eine Art eigene "Schuldigkeit" (wie genau man sie nun spezifiziert, ist eins) Grundvoraussetzung für Kunst ist. Was hat mir ein in jedem Sinne Selbstzufriedener schon zu sagen, was kann ihn antreiben, um wahrhaft Großes zu schaffen?
| Zitat: | Es gibt beides: die Bedeutung des Werkes, die dem Autor selbst entspringt,
bewußt und unbewußt, durch seine Gedanken, Erfahrungen, Erlebnisse, Träume etc. und
die des Lesers, wiederum durch dessen individuellen Erlebnisse hervorgerufen. |
Ein Gedankenspiel: Wir haben eine Gruppe von Menschen, die sich über ein Buch unterhält. Jeder teilt den anderen mit, was er aus diesem Buch für sich herausgeholt hat, was es für ihn bedeutet und womit es sich seiner Ansicht nach beschäftigt, worüber sämtliche Gesprächspartner in eine Diskussion verfallen, die schließlich in einem groben Konsens endet - nur einer, der will nicht so recht mitziehen und beharrt auf seiner Meinung, die von allen anderen ganz problemlos mit Gegenargumenten treffsicher attackiert und untergraben werden kann, weil die Meinung dieses Einzelnen offensichtlich so völlig an dem Inhalt des Buches vorbeizielt, ganz so, als behaupte man, "Iphigenie auf Tauris" sein antiaufklärerisch und totalitär wie kein zweites Werk.
Was sollte nun allerdings geschehen, sich dieser Ausreißer als der Autor des fraglichen Buches offenbart? Ist dann "Iphigenie" wirklich auf einmal antiaufklärerisch und totalitär wie kein zweiter Werk?
| Zitat: | Da es aber unzählige Leser gibt, resultieren daraus
unendlich viele Bedeutungen, denen doch nur ein einziges Werk zu Grunde liegt. Das
führt zu dem Ergebnis, dass es allein an Bedeutung gewinnt, für sich selbst steht,
als Kunst an sich. Es ist eine Möglichkeit, mit Kunst so umzugehen. Aber das Werk
selbst kann nicht denken, es besteht aus toter Materie. |
Ob das Werk denken kann, ist gar nicht von Relevanz, da es letztlich eine Zeichenkombination ist, der sich der Rezipient annimmt. Und natürlich ist es richtig, dass jedes Werk potentiell unendlich viele Lesarten sein eigen nennt - aber nur theoretosch! Denn hier greift wieder die Intersubjektivität, die Schlüssigkeit in des eigenen Erkenntnisprozesses, an dessen Ende das postulierte Ergebnis steht. Selbstverständlich kann ich behaupten, dass "Iphigenie" antiaufklärerisch sei, doch wenn ich meine Argumentationskette offenlege, die mich zu dieser Auffassung führte, dürfte es ein leichtes sein, diese anzugreifen, ihre Mangelhaftigkeit aufzuzeigen und mich - wenn ich ehrlich mit mir selbst und um wirkliches Verständnis bemüht bin - dazu zu bringen, meine Meinung doch wenigstens zu modifizieren. Insofern ist die Meinung des Autors auch nicht unwichtig - nur ist ihr keine privilegierte Stellung zuzusprechen, da er, der Autor, im Umgang mit dem Text den gleichen Mechanismen unterworfen ist wie jeder andere Rezipient: Auch er ist dazu gezwungen, mittels seines Wissens die Zeichen, die er vor sich sieht, mit einem Sinn zu versehen, dazu gezwungen, Bezüge herzustellen und darüber zum Sinnstifter zu werden; wäre dem nicht so, bedeutete dies, dass eine dreihundertseitige Liste von Vornamen auf einmal keine Liste von Vornamen mehr ist, sondern eine Saga vom Niedergang einer Familie - wenn der Autor das nur so beabsichtigt hätte.
| Zitat: | Da du das Beispiel
mittelhochdeutscher Texte anführtest: gerade in dieser Zeit existierte zum Beispiel
das Verständnis der Kunst, die ausschließlich zweckungebunden ist, keineswegs. |
Klar - allerdings schneidest Du damit ein ganz anderes Thema an, nämlich das der Funktion von Kunst in der Gesellschaft, das doch höchstens mittelbar mit unserem zu tun hat, nämlich der unmittelbaren Interaktion von Kunstwerk und Rezipient.
| Zitat: | In mir bleibt einfach nach wie vor das ablehnende Gefühl, ich kann und möchte nichts
schön finden, was von einem Menschen verfasst wurde, der das Leid anderer Menschen
billigt, gutheißt oder veranlasst. Letzten Endes vielleicht einfach nur eine Art
Selbstschutz, um nicht den Verstand zu verlieren. |
Bitte entschuldige diese weitere Überspitzung, doch wenn Du diesen Ansatz als Maxime nimmst, dürftest Du keinen Künstler wertschätzen, der in den letzten 200 Jahren in der westlichen Welt tätig war.
| Zitat: | | Noch eine Frage: war Marx nicht Jude??? |
Ich bin mir nicht sicher, glaube, aber schon. Das sollte ihn allerdings nicht daran hindern, antisemitische Klischees zu bemühen...
Liebe Grüße,
Knut H. _________________ Tötet alle Eisbären! |
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